Der Schnitzerlehrling

Schon seit meiner Kindheit begeistert mich das Schnitzen, Basteln und natürlich auch das Malen. Dazu ermutigt wurde ich von meiner Mutter, die ihrerseits gerne und sehr gut zeichnete. Weil Heimwerken, wie jeder weiß, meist Lärm verursacht, wurde ich in die Kellerräume „verbannt“. Die Bedingungen, unter denen ich hier meine Arbeiten verrichten musste, waren denkbar schlecht. Nur in  den Gängen brannte spärliches Licht, und das Aufstellen einer Schnitzbank war erst gar nicht möglich. Trotzdem ließ ich mich nicht von meinem Vorhaben abbringen.


Direkt vor dem Kellerfenster stand eine große Kohlenkiste, denn in unserem Haus wurde noch mit Holz und Kohle geheizt. Das Brennholz wurde jedes Jahr im Spätherbst vom Forsthaus Diana im Ebersberger Forst, wo mein Vater zwei Hütten besaß, herbei gefahren. Die ganze Familie hatte den Sommer über beim Brennholzmachen geholfen. Jeden Samstag fuhren mein Vater und ich zum Holzhacken nach Diana. Wenn ich auch schon von der getanen Arbeit müde war, musste das gehackte Holz vor der Heimfahrt wieder aufgeschlichtet werden. Vater sagte stets: „Im Winter bist´d dann froh, wenn´s in da Stub´n warm is.“ Nachträglich muss ich zugeben, dass er Recht hatte.


Die ersten Berührungen mit Holz fanden also dort draußen statt. Wollte ich irgendetwas basteln, war es für mich von Vorteil, dass wir immer Holz im Keller hatten. Ein kleines Hacke – für einen Nicht-Bayern: ein kleines Beil – lag ja bei uns immer bereit. Ich spaltete mir einen Teil vom Holz ab und schon konnte es losgehen. Das Einzige, was damals zu bedauern war: Es waren keine richtigen Schnitzmesser vorhanden. Ein kleines Taschenmesser, das mir meine Mutter vom Einkaufen mitgebracht hatte, war mein ganzer Stolz. Ich hütete es wie meinen Augapfel. Sie kaufte es mir beim Schwarz, einem Laden, in dem es Lebensmittel und Haushaltswaren gab. Heute befindet sich ein Drogeriemarkt darin. Noch jetzt sehe ich es vor mir: der Griff hatte die Form eines Flugzeuges, aus dem die Klinge hervorklappte.


Oft saß ich nach der Schule stundenlang in einem Kirschbaum, der in unserer Straße stand. Auf diesem Baum schnitzte ich meistens Peitschenstecken, da diese mir sehr gut gefielen. Viele Zierkugeln mussten dran sein, dann war er richtig. Zur Kirschenzeit, wenn mein Baum durch andere Buben belegt war – der Baum trug sehr viele süße Kirschen – wechselte ich auch einmal auf das Bankerl am Spielplatz. Um den Stecken wie gedrechselt ausschauen zu lassen und um die Symmetrie der Kugeln zu ermöglichen, musste ich ihn hunderte Male drehen und auf den Kopf stellen. Danach wurde er von mir noch mit Schleifpapier bearbeitet und angemalt. Erst sehr viel später wurde mir klar, dass dies eine sehr gute Übung für das „Schauen“ war.
Ich war damals noch nicht einmal zehn Jahre alt, da geisterten wir schon die Perchten im Kopf herum. Aber nur deshalb, weil ich mich so vor ihnen fürchtete. Immer wenn die so genannten Rauhnächte losgingen, begann für mich eine schlimme Zeit. Bei den Einkäufen mit meiner Mutter erfuhr ich, wann und wo die Perchten laufen. Von wilden Gesellen, die mit Eisenketten nach einem warfen, war immer die Rede. Da kann dir ja nichts passieren, dachte ich, du hast ja Mama, die wird schon auf dich aufpassen.
Doch nach ein oder zweit Tagen war die Angst wieder vergessen. Das Wochenende kam, ich musste nicht zur Schule und Schlitten fahren war angesagt. Am Zellerberg ging es wieder mal richtig zur Sache. Unsere ganze Clique war dort und vor lauter Spaß vergaßen wir die Zeit. Zu guter Letzt erinnerten mich meine Freunde daran, dass heute die Perchten laufen würden. Weil es im Winter schnell dunkel wird, ich aber für damalige Verhältnisse noch einen langen Heimweg vor mir hatte, stand ich vor der Entscheidung: Entweder sehr schnell heim laufen oder vielleicht den Perchten begegnen. Ich entschloss mich für ersteres. Daheim angekommen, musste der Schlitten aufgeräumt werden. Das hieß in den düsteren Keller gehen. Also verschloss ich als Erstes die Haustüre, sodass mir kein Percht dorthin nachlaufen konnte. Trotzdem musste ich meinen ganzen Mut aufbringen, um den Abstieg in den Keller zu wagen. Zuvor horchte ich aber nochmals an der Haustüre – Neugier macht eben doch mutig.


Zu allem Überfluss kamen die Perchten an diesem Abend auch in unsere Straße. Meine Familie sah sich das Schauspiel vom Balkon aus an, während mein Vater nach unten ging, um dem „Geldschlucker“ einige Münzen zu geben. Zwischen den Wohnblöcken hallten die Trommeln und Kuhglocken natürlich doppelt so laut. Holzklappern hatten einige auch noch mit, ein unheimlicher Lärm! Zu guter Letzt sah ich die Eisenketten. Vor lauter Angst schaute ich nicht mehr genau hin, sonst wäre mir aufgefallen, dass diese nur zum Umhängen der Glocken verwendet wurden und nicht zum Schleudern. Wenn man mein Zittern hätte hören können – hätte es die Trommeln übertönt! Doch trotz aller Furcht faszinierten mich die Perchten, besonders ihre Masken. Das Fackellicht brach sich auf ihren Gesichtern. Nasen, Augenbrauen und Ohren verzerrten sich zu Fratzen. Ihre Bewegung im Tanz, all da war doch wie ein Zauber für mich. Ich musste einfach mehr über die Perchten in Erfahrung bringen.
Damit ich das Aussehen der Masken nicht gleich wieder vergaß, fertigte ich sogleich einige Skizzen an, die ich meiner Mutter zeigte, um mehr von ihr über die Perchten zu erfahren. Als sie mir nicht genügend Auskunft geben konnte, meinte sie: „Da musst du Herrn Reupold fragen.“ Der Name Reupold war mir ein Begriff, da ich seinerzeit mit seinem Sohn zur Schule ging.


Als ich eines schönen Sonntags nach der Kirche mit meiner Mutter auf dem Heimweg war, begegneten wir Hans Reupold. Plötzlich fragte meine Mutter: „Herr Reupold, hätten sie kurz Zeit?“ Ich zuckte zusammen, war doch der Name für mich wie ein magisches Wort. „Men Sohn würde gerne von Ihnen etwas über die Masken, die sie schnitzen, erfahren.“ Mehr brauchte sie ihm nicht zu sagen, schon begann Herr Reupold zu erzählen. Begeistert nahm ich seine Worte in mich auf. Zum Schluss meinte er noch, ich könnte ja, wenn ich einmal Zeit hätte, bei ihm vorbei schauen. Das war der beginn meiner Schnitzerlaufbahn.


Sehnlichst hatte ich mir jenen Montag herbeigewünscht, an dem ich Herrn Reupold besuchen durfte. Komischerweise war mir nicht einmal flau im Magen, obwohl ich schon auf dem weg dorthin an die schaurigen Masken dachte. Bei seinem Haus angekommen, grinste mich schon am Gartentor eine Fratze an, diese hatte er als Tor-Öffnungsgriff geschnitzt. Ich läutete und wurde auch schon von ihm begrüßt. Als Allererstes zeigte er mir einige Masken, die bei ihm im Treppenhaus hingen. Die Faszination, die diese Masken auf mich ausübten, half mir, meine Angst zu überwinden. Herr Reupold erzählte mir von der Bedeutung der Masken und von den Perchten. Man konnte ihm stundenlang zuhören. Zu allerletzt zeigte er mir noch seine Schnitzbank, an der er alle seine bisherigen Masken geschnitzt hatte. Wunderlicherweise stand diese im Freien, außerhalb des Holz-Schupfens. „Komm nächste Woche wieder vorbei, dann zeige ich dir, wie das Schnitzen geht“, sagte Herr Reupold zum Schluss. Ich bekam große Augen nach diesem Satz.


Natürlich ging ich in den folgenden Wochen wieder zu ihm. Die Zeit bis zu meiner ersten Lehrstunde konnte gar nicht schnell genug vergehen. Ich nutzte sie, um weitere Skizzen anzufertigen, wovon ich die Beste mitbrachte, denn ein Schnitzer ohne Zeichnung ist kein Schnitzer. Anhand der Vorlage durfte ich mir ein geeignetes Stück getrocknetes Holz von seinem Lager auswählen. Ein eigenartiger Geruch, den ich damals noch nicht kannte, ging von ihm aus. Fichtenholz konnte es nicht sein, dessen Geruch war mir schon bekannt. Es war eine Linde – und dann ging es auch schon los.


Herr Reupold erklärte mir die Beschaffenheit des Holzes und was sich daraus lesen lässt. Was alles passieren kann, wenn ich das Messer falsch ansetze und mit welcher Seite der Maske ich anfangen soll. Er drückte mir ein geeignetes Schnitzmesser in die Hand und zeigte mir dessen Handhabung. Dazu bekam ich einen Holzschlegel in die rechte Hand, und schon flogen die ersten Späne. Bereits nach mehreren Schlägen musste ich feststellen, dass ich gar nicht so leicht vorankam und meine Muskeln und Sehnen in den Armen zu arbeiten anfingen. Herr Reupold lachte und gab mir den Tipp: „Du musst nur locker aus dem Handgelenk schlagen, mit weichen Schlägen.“ Leichter gesagt als getan. Als ich mit dem Aushöhlen der hinteren Seite fertig war, war auch ich fix und fertig. Ich weiß nicht mehr, was mehr schmerzte, meine Hände oder meine Arme. Überdies musste ich feststellen, dass die Schnitzbank etwas zu hoch für mich war. Aber das hätte ich niemals zugegeben.


„Du kannst das Holz wieder in den Schupfen legen, dort nimmt es dir keiner weg“, sagte Herr Reupold zu mir. Dich wollte ich meine arbeit meiner Mutter zeigen und beschloss deshalb, das Werkstück mit heim zu nehmen – die zweite Herausforderung, wie ich an diesem Tag feststellen musste. Das Werkstück geschultert, machte ich mich auf den Heimweg. Voller Stolz zeigte ich es meiner Mutter. Die war nicht sehr begeistert, verteilte ich doch Späne und Rindenstücke in unserer Wohnung. Jeden Tag trug ich nun mein Werkstück hin und her. Später, als die Maske dann schon Formen annahm, konnte ich sie im Rucksack meines Vaters transportieren.


Ein rabenschwarzer Tag war für mich, als ich ein Schnitzmesser abbrach. Ein falscher Schlag, und das Messer war entzwei. Voller Verzweiflung ging ich zu meinem Lehrmeister und erzählte mein Missgeschick. „Das kann schon mal vorkommen“, sagte er trocken, „nimmst halt ein anderes Messer.“ Damit war es für ihn erledigt. Ich wusste ja, dass Schnitzmesser, in dieser Qualität werden sie auch Bildhauermesser genannt, sehr teuer waren, wurden sie doch von Hand geschmiedet und geschliffen. Dieses Malheur habe ich nie vergessen. Ich achte heute noch darauf, dass ich immer exakt auf das Messer schlage. So banal es auch klingen mag: Schleifen und Pflegen sind noch meine obersten Gebote.


Nachdem ich mein erstes Werk fertig gestellt hatte, musste die Maske bemalt werden, natürlich unter Reupolds Anleitung. Glaubte ich anfangs, dies wäre sehr leicht, wurde ich schon bald eines Besseren belehrt. Licht und Schatten sind für die Ausstrahlung einer Maske das Wichtigste. Hinzu kommt, dass mit jedem Farbton eine spezielle Wirkung erzielt werden kann, und auch das Patinieren der Masken will gelernt sein. Im Laufe der Jahre hat mein Lehrmeister seinen großen Erfahrungsschatz auf diesem Gebiet an mich weitergegeben. Diese Erfahrungen sind mir heute mehr als Gold wert und ich weiß, dass das Lernen nie aufhört.


Meiner ersten Maske folgten noch viele weitere, und die Kugeln, die ich damals in die Peitschenstecken schnitzte, finden sich heute als Motiv in meinen Schönperchtenmasken wieder. Über die Jahre verbesserte ich meine Schnitzfertigkeiten, und mit jeder geschnitzten Maske verlor ich Stück für Stück meine Angst vor den Perchten. Zwei Jahre nach meiner ersten Lehrstunde wurde ich Mitglied im „Perschtenbund Soj“.

Aus: "Perchtenbrauch in Bayern", Perschten-Stiftung, Kirchseeon 2004


Datenschutzerklärung
Eigene Webseite von Beepworld
 
Verantwortlich für den Inhalt dieser Seite ist ausschließlich der
Autor dieser Homepage, kontaktierbar über dieses Formular!